12. August 2025 | ,

RUBRIK – FRISCH VEREINT

„Fit & Frisch in Kooperation mit Clara Koppenburg“

Claras Steckbrief:

Clara Marie Koppenburg
Deutsche Radrennfahrerin

Geboren am 3. August 1995 in Lörrach

29 Jahre alt 
Größe: 1,70 m   

Aktuelles Team: Cofidis Women Team

Meine Tour de France Femmes 2025

Wenn man an die Tour de France denkt, kommen einem Bilder von jubelnden Fahrern auf den Champs-Élysées, packenden Bergattacken und Podestplätzen in den Sinn. Doch hinter diesen heroischen Momenten steckt viel mehr: Schweiß, Schmerz, Tränen – aber auch Freude, Stolz und ein unbändiger Wille. Für mich war die Tour 2025 ein täglicher Kampf verbunden mit vielen Emotionen aller Art.

Das Rennen: Mehr als nur ein Wettkampf

Die Tour de France Femmes 2025 war eine Herausforderung auf 9 Etappen, die durch wunderschöne französische Landschaften führten. Start war in der Bretagne, Ziel im französischen Skigebiet Chatel, nahe der Schweiz. Insgesamt legten wir 1170 Kilometer und 18100 Höhenmeter zurück, 34 Stunden auf dem Rad sowie 23 Stunden Transfer im Bus zwischen den einzelnen Etappen.

Außer einem Zeitfahren war alles dabei: von kleinen Sträßchen in der Bretagne, über kurze knackige Anstiege mit teilweise mehr als 18% Steigungen, über Windkante, 24 Kilometer Berge und technische Abfahrten forderten uns alles ab. Die durchschnittliche Geschwindigkeit lag bei etwa 37 km/h – wobei wir die bisher schnellste Touretappe mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 45km/h gefahren sind. Die längste Etappe war 171 Kilometer, und die härteste – mit über 3.500 Höhenmetern – forderte alles von uns.
Am Ende hat die Mitfavoritin Pauline Ferrand-Prévôt auf heimischen Boden den Gesamtsieg vor Demi Vollering und Kasia Niewiadoma geholt. Über meine persönliche Platzierung müssen wir nicht sprechen… ich bin durchgefahren.

Meine Rolle als «Helferin» – Teamgeist im Radsport

Viele Menschen fragen sich: Warum fährst du nicht um den Sieg? Für mich ist die Antwort einfach: Beim Radsport zählt nicht nur das einzelne Ergebnis. Besonders in einem Team ist es eine Gemeinschaftsleistung. Als Helferin unterstütze ich meine Teamkolleginnen, damit sie ihre besten Leistungen zeigen können. Das bedeutet: Windschatten spenden, Flaschen holen, Lücken schließen, die Gruppe zusammenhalten. Es ist ein strategisches Spiel – manchmal fährt man im Hintergrund, damit die Leaderinnen im Finale angreifen können.

Es ist eine Aufgabe voller Verantwortung, aber auch eine, die viel Vertrauen und Teamgeist erfordert. Für mich ist das Helfen eine Ehre, weil ich das Team zum Erfolg führe – auch wenn mein eigener Platz im Ergebnis manchmal in den Hintergrund rückt. In diesem Jahr haben wir alles auf eine Karte gesetzt: unser französisches «Küken» Julie Bego. Julie ist eine unheimlich gute Bergfahrerin, kommt aus Chambery und war bereits Junioren-Weltmeisterin. Gleich im ersten Tag ist sie in das weiße Trikot (Beste Jungfahrerin) gefahren, was unserem Team viel Medienpräsenz und Ansehen gebracht hat. Dies hieß es nun zu verteidigen.

Ein Blick hinter die Kulissen

Was viele nicht wissen: Auch wenn ich seit nun zehn Jahren Radrennen fahre, die Tour de France ist ein ganz besonderes Erlebnis. Nicht zu Vergleichen mit irgendeinem anderen Rennen. Aus jedem Team dürfen nur die 7 besten Fahrerinnen starten, sprich 154 Fahrerinnen in absoluter Topform, alle hungrig, sich im größten Radrennen zu präsentieren. Schon Tage vorher spürt man diese Anspannung, die Energie und Vorfreude aber auch ansteigende Nervosität. Selbst ich habe schon im Vorfeld viele Interviewanfragen und Podcasts erhalten, die sich auch während dem Rennen täglich durchgezogen haben.

Am Tag vor der ersten Etappe werden offizielle Bilder und Videos, sowie eine Menge Interviews und Besprechungen gemacht. Dies ist auch der Moment, wo das erste Mal alle Fahrerinnen aufeinandertreffen. Ich würde das so beschreiben wie «hungrige Tiere auf Beutejagd». Jeder versucht Blicke auf die Konkurrenten zu erhaschen, während man selbst versucht, gelassen und glücklich zu wirken, um sich die Zweifel und Nervosität nicht anmerken zu lassen. Es ist laut, alle reden durcheinander, führen den typischen Small-Talk, doch jeder weiß, in weniger als 24 Stunden wird, einem nichts mehr geschenkt und was eben noch wie ein netter Plausch unter Freunden aussieht, verwandelt sich spätestens an der Startlinie in einen reinen Kampf um Ruhm und ums «Überleben».

Vom Frühstück bis zur Massagebank

Abgesehen von der ersten und letzten Etappe lag unser Start meist zwischen 13.30-15.00 Uhr. Sprich unsere Langschläfer im Team (und damit meine ich alle außer mir) haben versucht, so lang wie möglich zu schlafen, wodurch ich immer ein sehr ruhiges Frühstück genießen konnte. Wir hatten unsere eigene Köchin und einen Foodtruck dabei, sodass wir immer perfektes Sportleressen zu den gewünschten Uhrzeiten hatten. Mein Frühstück bestand immer aus frischen Beeren, Joghurt, Porridge sowie etwas Brot mit Omelette. Dann folgt der Transfer zum Start im Bus, meist zwischen 1-2 Stunden. Hier hat eigentlich jeder seine Kopfhörer auf, die einen dösen noch, andere schauen sich die kommende Etappe im Roadbook an, hören Musik oder telefonieren mit ihren Liebsten. Angekommen am Start heißt es dann Mannschaftsbesprechung bezüglich unserer Renntaktik, Richten der Verpflegung fürs Rennen, Teampräsentation, Warmfahren und viel laute Musik (ich versuche immer der DJ zu sein, da es sonst mit französischem Rap endet). Hinsichtlich der Verpflegung im Rennen erhält jede Fahrerin ihren persönlichen Plan, wann man was und wie viel essen und trinken sollte. Grundsätzlich versuchen wir um die 100g Kohlenhydrate pro Stunde zu uns zu nehmen in Form von Gels, Riegeln und hochkalorischen Getränken. Zur Veranschaulichung: ein Packung Haribo (100g) hat 77g Kohlenhydrate…

Etwa 15 Minuten vor dem Start begebe ich mich zur Startlinie, wobei ich immer noch ein kurzes Interview mit dem ARD gemacht habe, bevor es dann tatsächlich losging. Nach dem Rennen erwarten uns unsere Betreuer mit verschiedenen Drinks, Haribo, und gegebenenfalls einer Jacke im Ziel, bevor wir schnellstmöglich zum Bus gehen, um uns dort noch etwa 10 Minuten auszufahren, anschließend zu duschen, unsere individuell abgemessene Essensbox (hier wird es simpel gehalten: Reis oder Pasta mit Hühnchen, sowie etwas Selbstgebackenes wie Bananenkuchen, Haferkekse etc.) und dann so bald als möglich ins nächste Hotel fahren. Dort angekommen warten Massage und Abendessen, was meist sehr ähnlich aussieht. Das Einzige, was wirklich variiert ist die Pastaform (Fusilli, Penne oder Spaghetti, wobei wir uns jedes Mal streiten, was nun die beste Form ist).  Unsere Köchin bereitet auch immer etwas gedünstetes Gemüse vor, doch am meisten freuen wir uns über die (gesunden) Nachtische wie Apfel-Tarte, Bananenbrot, Milchreis oder Apfelkompott mit Joghurt. Highlight war die Schokomousse auf der letzten Etappe. Nach dem Essen fallen wir meist todmüde ins Bett und ich versuche spätestens um 22.30 Uhr das Licht auszumachen.

Energiebällchen
Diese veganen 3-Zutaten-Haferbällchen sind unser Wachmacher-Favorit – vor allem die mit Schoko! Da wird im Team schon mal gestritten, wer welche Kugel bekommt.

  • Zutaten:
  • 160g feine Haferflocken
  • 140g Banane
  • 140g Datteln
  • Prise Salz
  • optional: Zimt, Schokodrops,
  • gehackte Nüsse & Rosinen
  • Kokosflocken oder gemahlene
  • Nüsse zum ummanteln

Zubereitung:
Die entsteinten Datteln im Mixer mit einem Schuss Wasser zu einer cremigen Masse pürieren. Die Bananen in eine Schüssel geben, mit einer Gabel zerdrücken, Dattelmasse dazugeben und vermischen. Dann Haferflocken untermischen und mit den Händen zu einer homogenen Masse kneten. Die Mischung sollte jetzt nur noch leicht an den Händen kleben. Nach Belieben Schokolade, Nüsse oder Rosinen untermischen und kleine Kugeln formen. Tipp: Damit sie nicht aneinanderkleben und sich gut essen lassen, kann man sie in Kokosflocken oder gemahlenen Nüssen wälzen. Im Kühlschrank halten sich die Energiekugeln am besten.

Nährwerte pro Kugel
(Basisrezept ohne Schokolade, Rosinen etc)
Kalorien: 56 / Kohlenhydrate: 12g /
Proteine: 1.3g / Fette: 0.6g

Die einzelnen Etappen im Überblick:

Etappe 1: Vannes – Plumelec (85km, 1150hm)

Inmitten von Menschenmassen erfolgte der späte Startschuss. Es war eine sehr hektische Strecke, geprägt von engen Straßen und kurzen, knackigen Anstiegen. Leider gab es viele Stürze, auch einen schweren für mich, was den Kampf ins Ziel zu kommen noch herausfordernder machte. Trotz allem haben wir uns durchgebissen, und Julie trug stolz das Nachwuchstrikot. Abends im Hotel angekommen, wurde ich von unserem Teamarzt noch am Arm und Hüfte genäht und weiter verarztet.

Etappe 2: Brest – Quimper (122km, 2000hm)

Die zweite entpuppte sich als sehr anspruchsvoll. Die erste Rennstunde war beeindruckend schnell, mit einem Durchschnitt von 49 km/h. Es war wieder sehr hektisch, mit kleinen Straßen, die hoch und runter führten. Nach dem Sturz am Vortag fühlte ich mich allerdings katastrophal und hatte starke Schmerzen im ganzen Körper und war einfach erleichtert, im Ziel anzukommen.

Etappe 3: La Gacilly – Angers (165km, 1300hm)

Die dritte Etappe war relativ flach und eine klare Sprint-Etappe. Wir haben versucht, unsere Kräfte zu schonen und Julie sicher durchzubringen, vor allem im Nachwuchstrikot. Im finalen Sprint wurden meine Sprinterin und ich leider in einen Sturz verwickelt, zum Glück ist aber nichts Schlimmeres passiert.

Etappe 4: Saumur – Poitiers (135km, 800hm)

Etappe 4 geht, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 45km/h, als schnellste Etappe überhaupt in die „Geschichtsbücher“ der Tour ein. Wir haben versucht, uns etwas zu verstecken und Energie zu sparen, um Julie sicher ins Ziel zu bringen und Amalie im Sprint zu helfen.

Etappe 5: Futuroscope – Gueret (172km, 2100hm)

Die fünfte und längste Etappe startete superschnell. Nach etwa 40 km bin ich leider gestürzt. Danach bin ich 20 km alleine Vollgas gefahren, um wieder ins Feld zu kommen. Wir haben alles für Julie gegeben, und sie konnte das Trikot verteidigen. Ich war auf den letzten 30 km abgehängt und war einfach nur froh, im Ziel angekommen zu sein.

Etappe 6: Clermont-Ferrand – Ambert (134km, 2500hm)

Der sechste Tag war sehr anspruchsvoll: Uns wurde im Meeting gesagt: Rennen um Clermont-Ferrand sind immer sehr schwer. Viele kleine Berge gleich zu Beginn, ein 22 km langer Anstieg und drei weitere 5 km lange Berge. Ich konnte bis zur Rennhälfte gut mitarbeiten, musste dann aber leider abreißen lassen. Sobald man abgefallen ist und es klar ist, dass man nicht mehr zurück an die Spitze des Feldes kommt, finden sich immer Grüppchen von Fahrerinnen zusammen, das sogenannte „Grupetto“ und es wird so locker wie möglich ins Ziel gefahren, um sich die Kraft für den nächsten Tag zu sparen. Bummeln dürfen wir jedoch nicht, da wir nur 15 Prozent mehr Zeit benötigen dürfen als die Siegerzeit.

Etappe 7: Bourg-en-Bresse – Chambery (163km, 2000hm)

Auf den erste 100 flachen Kilometern haben wir Julie gut in Position gebracht und aus allen Schwierigkeiten rausgehalten. Danach sind wir im Grupetto so locker wie möglich ins Ziel gefahren, bei einem 17 km langen Berg. Leider hat Julie an diesem Tag das Nachwuchstrikot verloren, was die Stimmung etwas gedrückt hat. Wir haben versucht, sie aufzubauen und für die letzten zwei Tage zu motivieren.

Etappe 8: Chambery – Col de la Madeleine (116km, 3600hm)

Königsetappe. Bereits vor der Etappe waren wir sehr gestresst, weil wir die Härte des Tages befürchteten, und es hat am Start in Strömen geregnet. Der erste Anstieg war 13 km lang mit durchschnittlich 8%, und ich bin gleich abgefallen. Doch ich wusste, ich muss mich zurückkämpfen, sonst würde ich das Zeitlimit verpassen. Ich habe alles gegeben, konnte wieder an die Spitze des Feldes kommen und Julie viel helfen. Am Fuß des Col de la Madeleine, 24 km mit 1600 Höhenmetern ist jeder sein eigenes Tempo hochgefahren. Manche suchen sich eine Gruppe, ich bin alleine mein Tempo und mit meinen Gedanken gefahren. Es hat sich unfassbar lang angefühlt, knapp 1.5h sind wir ununterbrochen steil bergauf gefahren, aber ich habe es mir gut eingeteilt und die Fans am Straßenrand gerade auf den letzten 5km haben uns sehr beflügelt. Oben angekommen waren wir alle absolut am Limit, total erschöpft, voll mit Emotionen aber auch sehr froh und erleichtert, es geschafft zu haben. Leider hatte Julie einen richtig schlechten Tag, sodass sie sehr viel Zeit kassiert hat und somit sämtliche Ambitionen dahin waren. Abends beim Essen waren wir trotzdem gut gelaunt, da wir es alle geschafft haben und nur noch eine letzte Etappe bevorstand.

Etappe 9: Praz-sur-Arly – Chatel (126km, 2900hm)

Der letzte Tag der Tour war für mich etwas ganz Besonderes. Es war mein Geburtstag, und am Morgen wurde ich mit 50 Ballons, verteilt im Mannschaftbus, überrascht. Zwar war ich erschöpft von den vorherigen Etappen und hatte durchaus auch Angst, es gar nicht ins Ziel zu schaffen, da es eine sehr anspruchsvolle Etappe mit 125 Kilometern und 2900 Höhenmetern war, aber innerlich wusste ich, dass ich heute nicht aufgeben würde. Nicht an meinem Geburtstag. Ich wollte mir selbst das Geschenk machen, so gut es geht zu fahren, es zu genießen und mich auf den Moment zu freuen, in dem ich die Ziellinie überquere, und all die Anspannung von mir abfällt. Und genau so war es. Ich hatte das erste Mal richtig Spaß im Rennen. Ich bin einfach für mich gefahren, von Gruppe zu Gruppe nach vorn gesprungen, die Abfahrten und das Publikum genossen. Und ich wurde belohnt. Auf den letzten Kilometern fuhr ich in einer Gruppe mit den Fahrerinnen aus dem Siegerteam sowie dem Sprint- und Bergtrikot. Die Stimmung war emotional – Menschen am Straßenrand jubelten, riefen unsere Namen. Plötzlich fühlte ich mich wie eine Siegerin, nicht wegen eines Podiumsplatzes, sondern weil ich mich selbst überwunden hatte. Das Gefühl, am Ende im Ziel zu stehen, erschöpft, aber glücklich, war unbeschreiblich.

Den Abend haben wir im Hotel mit einem Burger, Mousse au Chocolat und Bier gefeiert – ein schöner Abschluss für die Tour und auch meinen Geburtstag.

Was ich aus der Tour gelernt habe

Es geht nicht immer um den Sieg, sondern darum, alles zu geben, auch wenn es schwer wird. Es geht darum, dem Team zu vertrauen, Verantwortung zu übernehmen und die eigenen Grenzen zu kennen. Erfolg ist nicht immer ein Platz auf dem Treppchen – manchmal ist es das Gefühl, nicht aufgegeben zu haben.

Und was bleibt? Ein paar neue Narben am Körper aber vor allem unvergessliche Erinnerungen im Kopf – und das Wissen: Wenn der Körper längst leer ist, das Herz aber noch fährt, dann ist das der wahre Geist des Radsports.