7. Juli 2026 | Allgemein
DIE LEBENSGESCHICHTE VON ANNELIESE UND JÖRG HIEBER
Anneliese Hieber: „Mein Leben war bunt, vielseitig und meistens schön!“
Im Jahr 1935 wurde ich in Lörrach geboren. Ich hatte zwei Brüder und eine Schwester. Meine Eltern bewirtschaften in Binzen die Oberer Mühle, einen Bauernhof mit Getreidemühle. Ein sehr romantisches, 400 Jahre altes, Anwesen.
Ich besuchte in Binzen die Volksschule. Ich ging sehr gerne zur Schule, und liebte alle Fächer außer „Rechnen“.
Gedichte auswendig lernen, Aufsätze schreiben und singen mochte ich am liebsten. Viel mehr gab es bis zur 4. Klasse nicht. Es war Krieg, wir hatten „Aushilfslehrer“, einer war kriegsversehrt und lernte nur Gedichte und schönschreiben sowie Religion. In der Zeit als Binzen beschossen wurde hatten wir keine Schule und wir waren zeitweise evakuiert. Das letzte halbe Jahr 1944 und der Anfang 1945 waren sehr schlimm. Wir mussten nachts oft in den Keller wegen Beschuss aus Frankreich und wurden auf dem Feld von Tieffliegern beschossen.

Meine Großmutter mütterlicherseits wurde vor der Haustür von einer Granate getroffen und verstarb in der selben Nacht.
Als 10-Jährige war das für mich einfach zu viel.
Als der Hausarzt meiner Großmutter kam, sagte sie: „Was sollen wir denn mit dem Mädchen machen, dass es nicht so viel weint?“ und er sagte: „Schickt sie auf die Weide zum Kühe hüten, das beruhigt.“ Das war Psychologie damals! Zu der Mühle gehörte damals auch die Ölmühle, etwas weiter in Richtung Rümmingen. Dort konnte ich zuschauen wie mein Vater aus Mohn und Walnüssen, Öl gemacht hat. Wir hatten immer Mohnfelder. Wenn die Kapseln reif waren, mussten wir sie ernten. Zuhause wurden sie aufgeschnitten, die Mohnsamen in die Mühle gebracht. Die Saat schmeckte sehr gut, aber wie dürften nicht all zu viel davon essen wegen der Suchtgefahr, sagte man uns.
Sehr wichtig auf unserem Bauernhof war der Brunnen. Das Wasser lief Tag und Nacht. Er war nicht nur Viehtränke, im Sommer hängten wir immer eine 5-Liter-Kanne mit Pfefferminztee. Er war immer schön kalt und erfrischend, jeder dürfte dort trinken.
Das Highlight für uns Kinder war der gestaute Bach hinter der Mühle. Dort konnten wir den ganzen Sommer baden. Nach Ende der Hauptschule musste ich 2 Jahre auf die Landwirtschaftliche Berufsschule in Haltingen. Sehr gerne wäre ich auf eine weiterführende Schule gegangen, aber ich durfte nicht. „Du heiratest doch einmal, da reicht das, was du in Haltingen lernst“ sagten meine Eltern. Die Schule war gut und vielseitig. Später gab es dann noch die Winterschule und die Nähschule.
Als ich 19 war, überredeten nette Leute meine Eltern, mich für ein Jahr in einen Haushalt nach Neuchâtel (Schweiz) zu lassen. Dort ging ich wöchentlich zur Schule, um französisch zu lernen und machte in Anschluss in Lörrach bei der Sprachschule Förderer weiter.
Eine Lehrerin der Schule empfahl mir, mit meinen Sprachkenntnissen in die Hotelfach-Schule zu gehen. Hier wurde ich wegen meines Alters nicht angenommen und man riet mir ein Praktikum in einem Hotel zu machen. So begann ich mein erstes Ausbildungsjahr im Sommerberg Hotel in Wildbad. „Ich fand es super!“ Danach war ich 1 Jahr in London bei einer alleinstehenden Dame im Haushalt in der Park Lane, direkt gegenüber vom Hyde-Park.
Die Lage war gut, aber der Alltag langweilig.
Ich besuchte einmal wöchentlich einen Englisch-Kurs.
Danach ging ich wieder nach Hause.
Ich kaufte mir daheim die Hotelfachzeitung und sah ein Inserat des Schwarzwald-Hotel in Badenweiler, die eine Rezeptionisten suchten. Ich bin hin und stellte mich vor und begann. Es war die langweiligste Saison meines Lebens. Arbeitsbeginn morgens um 9 Uhr bis abends um 21 Uhr mit 2 Stunden Mittagspause. Die Berufskleidung war ein schwarzes Kostüm mit weißer Bluse.
In der Hotelzeitung las ich in einem Inserat von einer Stelle in Prien am Chiemsee und fuhr dort hin. Hier war ich an der Rezeption beschäftigt, zusätzlich musste ich die Speisekarten schreiben und dort kam mir dieser verrückte Konditor in die Quere.

Jeden Morgen stand er an der
Rezeption und erzählte mir, welchen Kuchen oder welches Dessert er heute macht. Und er fragte immer wieder, ob ich mit ihm ausgehen würde. Ich wollte eigentlich gar nicht. Bis mich eines Tages mein Chef geärgert hat. Da habe ich zu ihm gesagt: Wollen Sie eigentlich immer noch mit mir ausgehen?“ Er hat nur gelacht und gesagt: „Ja.“
Dann sind wir tanzen gegangen. Er konnte gut tanzen. Und lustig war er auch. Ich habe gedacht: Mit dem erlebst du bestimmt noch etwas. Heimgehen und gleich heiraten wollte ich nämlich eigentlich noch gar nicht. Aber irgendwie bin ich ihn dann nicht mehr losgeworden.
Jörg Hieber: „Ein bisschen Risiko gehört dazu“
Im Mai 1938 kam ich als dritter Junge in Leonberg zur Welt. 194o kam der vierte dazu. Mein Vater war zu dieser Zeit Polizeibeamter.
Gerne erinnere ich mich, dass wir, mein Bruder Peter und ich, im Polizeimotorrad im Seitenwagen mitfahren durften, wenn Passanten kamen, erfolgte das Kommando „runter“. Bis 1943 spürten wir als Kinder noch nicht sehr viel vom Krieg. Doch das änderte sich, wir bekamen die ganze Last des Krieges zu spüren. Leonberg lag in der Einflugschneise für die Bomber Richtung Stuttgart. Da alles verdunkelt war und die Piloten noch nicht die Möglichkeit von heute hatten, wurde die Bomben früher abgeworfen. Wie viele Stunden, Nächte wir in Bunkern oder Keller verbracht haben weiß ich nicht mehr, was ich immer noch vor Augen habe, wenn der Alarm vorbei war, wie es aussah.

Ab 1944 kamen dann die Tiefflieger dazu. Wir konnten die Gesichter der Piloten mit ihren runden Brillen sehen. Es wurde auf alles geschossen. Wir lernten sehr schnell, wie man Deckung suchte.
Einmal war ich mit der Mutter im Zug. Alarm, der Zug hielt an alle raus hinter dem Bahndamm in Deckung, die Flieger drehten um wir unter dem Zug durch auf der anderen Seite in Deckung.
1944 Einschulung … Doch Schule konnte nur sporadisch oder gar nicht abgehalten werden. Oft schon auf dem Weg zur Schule, Fliegeralarm und rein in den nächsten Bunker oder Keller. 1945 kam der Vater in die Gefangenschaft. Unsere Mutter ging mit uns Jungs auf die schwäbischen Alb zu Verwandten, da war es sicherer.
1946 zog Mutter mit uns nach Eislingen bei Göppingen, sie arbeitet in einem Konsumladen und wir hatten endlich regelmäßig Schule.
1949 kam der Vater aus der Gefangenschaft zurück. Er bewarb sich wieder bei der Polizei, dann hieß es wieder umziehen nach Murrhardt.
1952, nach 6 Jahren Volksschule, Suche nach einem Ausbildungsplatz. Ich wollte Metzger werden {hatte immer Hunger) oder Schreiner.
Beides war nicht möglich, mein Vater hatte dann einen Platz als Konditor für mich gefunden. Schon bei der Einstellung sagte der Lehrmeister, dass er verkaufen werde, ich aber beim Nachfolger
weitermachen könnte. Nach 3 Monaten stellte ich fest da gefällt es mir nicht. Was tun, der Lehrer in der Gewerbeschule besorgte mir eine Lehrstelle in Stuttgart. So zog ich mit gerade mal 14 Jahren von zu Hause aus. Beim Lehrmeister bekam ich Kost und Wohnung. Stuttgart lag zu dieser Zeit in Schutt und Asche. Der Lehrmeister erstellte neben dem halb zerstörten Gebäude einen Neubau. Für Kost und Wohnung musste ich am Bau mitarbeiten. Backsteine vom Mörtel befreien. Wir begannen 5 Uhr in der Konditorei bis 14 Uhr, Mittagessen, kurze Pause, dann Steine Klopfen.
Nach der Lehre folgten viele Wanderjahre in verschiedene Konditoreien. Eine im Café Schwarz in Göppingen, dort habe ich sehr viel gelernt. Herr Schwarz prägte mich, er forderte und förderte mich. Er hatte Freude an mir und machte mir Hoffnung, später sein Nachfolger zu werden. Riet mir aber noch mal in die Fremde zu gehen, um mir die Hörner abzustoßen. Herr Schwarz ist leider unerwartet verstorben. 1957 packte mich das Fernweh, ich wollte unbedingt zur See fahren, fuhr nach Bremerhaven dachte da gibt es Schiffe.
Fehlanzeige, ich jobbte mich
2 Monate durch, bis ich ein Schiff zugeteilt bekam und mein Seefahrtbuch hatte.
Wo liegt das Schiff, war meine
Frage, in Southampton, wo ist das? In England. Ohne ein Wort Englisch begann die 2-tägige Reise, ich bin angekommen. Wir waren auf der Nordatlantik-Route im Einsatz.
Bremerhaven, England, Irland, Kanada und USA. Städte wie Quebec, Montreal, Halifax, Bosten und New York. In den Wintermonaten Kreuzfahrten im Mittelmeer und Kanarische Inseln. 1959 war die neu gegründete Bundeswehr der Meinung, mich zu brauchen. Es hat mir überhaupt nicht geschadet, im Gegenteil.
Endlich mal nur die Klappe halten und folgen. Dann folgte noch eine Stelle in Stuttgart, und das Schicksal nahm seinen Lauf. Meine Bewerbung im Hotel Reinhard als Patissier war erfolgreich. Dort ist mir schnell die Empfangsdame und Hotelsekretärin Anneliese Müller aufgefallen, ich ihr aber nicht.
Sie schrieb auch die Speisekarte. So konnte ich täglich zu ihr gehen, um ihr mein Dessert und Kuchenangebote abzugeben.


Ich musste ganz viel ackern, bis ich sie überzeugen konnte. Einmal gab ich ihr ein Versprechen, bei mir wird es dir niemals langweilig werden. Das habe ich bis heute eingehalten.
Nach der Saison am Chiemsee habe ich ein paar Monate auf dem Hof der Schwiegereltern gearbeitet. Dort lernte ich wie schwer die Arbeit in der Landwirtschaft ist, und aus was Wein gemacht wird.
Jörg und Anneliese Hieber: „Warum ausgerechnet Lebensmittel“
1962 war klar, dass wir zusammen bleiben werden, ja heiraten werden.
Auch waren wir uns darin einig, dass wir uns selbständig machen würden. Jeder von uns hatte einige Wanderjahre hinter sich gebracht. Ich bewarb mich im Café Moccas in Überlingen als Konditor, meine Frau im Parkhotel in Überlingen für eine Sommersaison als Hotelsekretärin und Empfangsdame. Als die Sommersaison zu Ende war, kam meine Frau auch ins Cafer Moccas in den Verkauf.
Der Winter 62/63 war extrem kalt, sodass der Bodensee komplett zugefroren war. Ich wohnte in einem Haus auf Abbruch ohne Wasser, kaputte Fenster und habe gefroren. Am 20. März 63 legte ich die Meisterprüfung in Konstanz ab. Am 29. August heirateten wir.
Wir wollten gemeinsam noch ein Abenteuer erleben und bewarben für die Weltausstellung in New York zur Führung eines Wiener Kaffee Haus, wir bekamen den Zuschlag. Alles war okay, Visum und Ticket lagen vor. Arbeitgeber war die Firma Wienerwald. Wir sollten uns noch vor der Abreise in München präsentieren. Da war Chaos pur, die Konditorei wo ich arbeiten sollte, gab es nicht mehr, meine Frau sollte in einem Wienerwald ins Service, doch das gab es auch noch nicht. Es wurde uns eine Wohnung zugewiesen, dort angekommen kein Licht kein Wasser, es wurde schon längere Zeit keine Miete bezahlt.
Von meiner Seefahrzeit kannte ich New York, wenn es in München in der Zentrale schon nicht klappt, wie soll es in New York klappen. Wir sagten ab und landeten statt New York im Café Hamm in Weil/ Rhein. Ich als Backstubenleiter, meine Frau im Verkauf. In dieser Zeit suchten wir Landauf Landab, um eine Konditorei zu pachten, es scheiterte immer am fehlenden Kapital. Gewohnt haben wir im Hamm im 4. Stock ein Mansardenzimmer, der Kleiderschrank stand im Flur, die Sanitäranlage im Keller. Wir wollten mehr.
Dann an einem Samstag Inserat in der Badischen Zeitung „Lebensmittelgeschäft mit
3 Zimmerwohnung zu verpachten. Eigenkapital nicht erforderlich“.
Ich musste meine Frau überreden, ja regelrecht überzeugen, es sollte ja nur vorübergehend sein. Es war ein harter Start, beide waren wir unglücklich, hätten am liebsten aufgehört, doch wir hatten einen Mietvertrag und Schulden. Es war ein Mini Lädelchen, mit 60m² zum Leben zu wenig zum Sterben Zuviel. In dem Ort Höllstein gab es
einen Konsum, einen Spar und einen Vivo Laden.
Die Kunden mussten bei uns mit vollen Taschen vorbeilaufen.
An der Außenfront war ein Zigarettenautomat angebracht. Immer wenn die Damen vorbeigingen, ging ich an den Automaten und tat, als fülle ich auf. Ich grüßte die Damen ganz höflich … Vielleicht war es Mitleid, vielleicht war es meine Höflichkeit, so langsam hatten auch wir Kunden. So kamen wir zu Lebensmittel. …. Unser Leben. unser Laden.







